In den bonbonbunten Heimatfilmen der 50er Jahre galt er als kommender Kinderstar. Als sich in den 60ern in Deutschland die Kunstform der schwarzweißen Fernsehfilme entwickelte, spielte er in Egon Monks Fernsehspiel-Abteilung beim NDR Schlüsselkinder und Kriegsflüchtlinge. In den 70er Jahren, als Literaturverfilmungen 15 Millionen Zuschauer an den Bildschirm fesselten, war er im Straßenfeger "Ein Kapitel für sich" Walter Kempowski - und zugleich, was überhaupt nur einer Hand voll deutscher Schauspieler gelang, mit einer internationalen Hauptrolle auf dem Festival von Cannes vertreten. In den 80ern drehte er mit Regisseuren wie Uli Edel, Peter Keglevic und Peter Patzak und erlebte zum Start einer selbst entwickelten Kino-Buddykomödie einen Karriereknick: Als damaliger Bhagwan-Anhänger wurde er kaum mehr besetzt. Er ging ins Synchrongeschäft und gab Tom Cruise, Andy Garcia und vielen anderen die deutsche Stimme. In den 90ern feierte er ein Fernseh-Comeback als Hauptdarsteller einer der langlebigsten Erfolgsserien. "Freunde fürs Leben" wurde kurz nach seinem Ausstieg nach elf Jahren eingestellt.
Seither tritt er regelmäßig in Filmen mit hoher Quote wie "Besuch aus Bangkok", "Tatort"-Krimis und Serien wie "Der Bulle von Tölz" "Stubbe", Soko" und den "Rosamunde Pilcher - Traum eines Sommers " auf, synchronisiert den Oscar-Gewinner 2003, Adrien Brody in "The Pianist" und Joseph Fiennes in "Luther" und Andy Garcia.
All das, obwohl manche in der Filmbranche ihm nachsagen, dass er sein Potenzial nie ganz ausgeschöpft habe. Obwohl manche Produktionen unter einem schlechten Stern gestanden zu haben scheinen - von Kinofilmen, die ihrer Zeit voraus waren, bis zu "Tatorten", die nach der Premiere Jahrezehnte lang im "Giftschrank" bleiben mussten. Obwohl er in seiner "selten gesteuerten" Karriere bewusst auf publikumswirksame Markenzeichen verzichtet hat.
Dennoch dreht er seit 50 Jahren und hat bislang rund 400 Film- und Fernsehrollen gespielt. Dabei ist Stephan Schwartz erst 52.
Und war außer als Schauspieler auch noch als Cutter, Drehbuchautor, Hörspielregisseur und -autor im Mediengeschäft aktiv - sowie nicht zu vergessen, in seinen Hippie-Jahren, als erfolgreichster norddeutscher Vertreter für Stones- und Led Zeppelin-Platten.
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Die 50er: zum Glück kein Kinderstar
Eine Kelle zu heben, um das Abfahrtssignal für eine Dampflok zu geben - das ist Stephan Schwartz' erster Filmautritt. Er ist noch keine drei Jahre alt (* 18.10. 1951 in Berlin); der Heimatfilm "Heideschulmeister Uwe Karsten" läuft noch heute manchmal im Fernsehen. Stephans Vater Otto Schwartz spielt nebenbei den Bahnhofsvorsteher - und ist hauptberuflich der Aufnahmeleiter. So also kommt der Junge zum Film, "wie ein Zirkuskind": Der Vater gehört zum Team, die Mutter reist mit, "um die Familie beieinanderzuhalten" und Stephan ist eben auch dabei. Warum ihn nicht gleich mitspielen lassen, zumal der Typus 'nicht auf den Mund gefallenes Berliner Ferienkind' zum Standard-Repertoire der Heimatfilme gehört.
"Der Pfarrer von Kirchfeld" und "Der Glockengießer von Tirol" lauten die Titel. Zu den außergewöhnlicheren Beispielen zählt "Der Haustyrann", in dem Heinz Erhardt eine untypische Rolle als Unsympath spielt. Stephan ist sein Sohn, der den mies gelaunten Vater "Blinddarm" nennt und dafür geschlagen wird.
Der weibliche Kinder-Superstar der 50er heißt Christine Kaufmann. Mit der sechs Jahre älteren Kollegin spielt Schwartz öfter zusammen: vor der Kamera für Werke wie "Wenn die Alpenrosen blüh'n", und privat im Sandkasten oder Vater/ Mutter/ Kind. "Immer wenn es schön wurde, musste Christine weg", erinnert er sich heute: zu Presseterminen oder für Fotografen posieren. Das fand er "doof". Vielleicht deswegen wollte er kein solcher Kinderstar werden.
Sicher lag es auch an seinen Eltern, die anders als andere Kinderdarsteller-Eltern nicht von seinen Gagen lebten. Wenn Reporter ihn fotografieren wollten, rief seine Mutter ihnen "Macht keinen Quatsch!" zu, und ihm, wenn er mal "spleenig" zu werden drohte: "Du bist hier nicht beim Film". Wenn ihm Produktionsleiter aber verbieten wollten, in den Drehpausen Fußball zu spielen, legte sie sich mit ihnen an. "Fast antiautoritär" wurde er erzogen, findet Schwartz.
Das beste Beispiel für früh entwickeltes professionelles Berufsethos sind Dreharbeiten zu einem Wallace-Film: Eigentlich hatte er als Kind panische Angst selbst vor kleinen Hunden. Regisseur Harald Reinl forderte von ihm aber, sich als Ohnmächtiger von riesigen dänischen Doggen abschlecken zu lassen. Vor der Kamera gelang das Schwartz tadellos, "wie in einer zweite Identität". Nach Drehschluss kehrte die Hundeangst zurück. Aber das war schon 1963, als Schwartz bereits Stammgast in deutschen Fernsehspielen ist.
Filme:
1954 "Heideschulmeister Uwe Karsten" Regie: Hans Deppe; mit Barbara Rütting, Claus Holm
1956 "Der Pfarrer von Kirchfeld" Regie: Hans Deppe, mit Ulla Jacobsson, Claus Holm
1957 "Wenn die Alpenrosen blüh'n" Regie: Richard Häussler; mit Claus Holm, Christine Kaufmann, Theo Lingen, Harald Juhnke
1957 "Der Glockengießer von Tirol" Regie: Richard Häussler; mit Heinrich Gretler, Nicole Heesters
1957 "Die Winzerin von Langenlois"/ "Und sowas will erwachsen sein" (Österreich) Regie: Hans H. König; mit Paul Hörbiger, Herta Staal, Christine Kaufmann
1958 "Solang' die Sterne glüh'n" Regie: Franz Antel; mit Hans Moser, Fritz Eckhardt, Heidi Brühl, Gerhard Riedmann
1959 "Der Haustyrann" Regie: Hans Deppe; mit Heinz Erhardt, Grethe Weiser, Peter Vogel, Rudolf Platte, Else Quecke
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Die 60er: Hauptrollen in der Ära der frühen Fernsehfilme
In deutschen Kinos sind nun englisch angehauchte Krimis gefragt. Mit elf Jahren spielt Schwartz in "Der Würger von Schloss Blackmoor" nach einem angeblichen Roman des Wallace-Sohns Bryan-Edgar "Fips", den Sidekick des Schottenrock-tragenden Schlossherren (Walter Giller). Zu dieser Rolle war er nicht durch seine Kleinkinder-Prominenz gekommen - sondern durch einen "Jackie Coogan-Ähnlichkeitswettbewerb" der "Bild"-Zeitung, die schon damals gern beim Casten half. "Dass er Berliner ist, hört man gleich. Er hat lustige braune Augen, kurze zerzauste Haare und hat wirklich Ähnlichkeit mit den amerikanischen Kinder-Star Jackie Coogan, als er 11 Jahre alt war", schrieb das Blatt. Am Wettbewerb nahm der Junge allerdings vor allem teil, um die Werbetrommel für das Kinderstück "Perlicke-Perlacke" zu rühren, das er damals am Berliner Hebbel-Theater spielte...
Das aufstrebende Medium der Zeit aber ist das Fernsehen. Dank Magnetaufzeichnung müssen Fernsehspiele nicht mehr live gesendet werden, sie werden aufwändiger - und stehen mitunter quer zum seicht-fröhlichen Zeitgeist der Wirtschaftswunderjahre. Zumal beim NDR, dessen Fernsehspiel-Abteilung unter Egon Monks Leitung Autoren wie Dieter Meichsner und Regisseure wie Rolf Hädrich zur ersten Adresse für die neue Kunstform machen.
In "Ein Buch mit Kapiteln" spielt Stephan Schwartz 1961 dort seine erste Hauptrolle: den elfjährigen Briten Edgar, der in den Sommerferien seine geliebte Tante durch einen Familienstreit und seinen Großvater durch den Tod verliert. Regie führt Inge Meysels Ehemann John Olden. "Damals erreichte das Ganze eine erste etwas ernsthaftere Ebene. Ich musste sehr viel Text lernen, und es wurde Arbeit daraus. Zum Erstaunen meiner Eltern machte mir das immer noch großen Spaß", erinnert sich der Schauspieler.
Also ging es weiter. Ein von den berufstätigen Eltern vernachlässigtes Schlüsselkind spielt er in "Überstunden" - "inspiriert vom Neorealismus", findet Schwartz heute, freilich unter idealen Bedingungen: "Wir hatten irre viel Zeit zum Drehen, sechs Wochen für ein Fernsehspiel". Er dreht mit großen Regisseuren wie Tom Toelle, Fritz Umgelter und Falk Harnack, und für kleine Formate. Wie einen Sexualaufklärungsfilm für das Dritte SFB-Programm, in dem er unversehens seinen ersten Zungenkuss bekommt. In "Flucht" spielt er einen jungen Kriegsflüchtling, in "So war Herr Brummell" den Prinz William, jeweils neben dem Theaterstar Boy Gobert.
Bis nach Finnland führt ihn sein Stammsender: Der NDR bringt Schwartz in seine erste skandinavische Koproduktion ein: "Eis" spielt auf einem Postschiff im 18. Jahrhundert und entsteht bei minus 30 Grad.
Aber auch für das, was auf der anderen Seite der Kamera geschah, hatte sich der junge Schauspieler schon früh interessiert. Als Kind befragte er die Kameramänner, als Teenie drehte er Super-8-Filme. 1968 macht er ein Praktikum im Filmkopierwerk der Berliner Union-Film, jobbt dann als Cutter-Assistent und schneidet Beiträge für die SFB-"Abendschau".
Mit 18 geht Stephan Schwartz für ein halbes Jahr nach London - um "Marlon Brando und James Dean im Original zu hören und zu verstehen". Er schreibt Film- und Musik-Kritiken für die Berliner Zeitschrift "Pro & Contra", lässt sich vom Konzept der Art Labs für Rockmusik, Theater und andere Künste begeistern und verkauft mit langem Haar und Lennon-Brille deutschen Hippies selbst gefertigte Ringe. Dann, auf einem englischen Arbeitsamt, verliebt er sich in Angela...
So gerät die Schauspielerei in den Hintergrund, auch wenn er 1969 das Studium an der Berliner Max-Reinhardt-Schule aufnimmt. Das führt zwar zu einem Projekt mit George Tabori, endet in den wilden APO-Jahren aber vorzeitig...
Er heiratet Angela, mit der er ein Kind erwartet, und wird so schon vor dem 21. Geburtstag vor dem Gesetz erwachsen - die Chance, mit den gesparten Kinder-Gagen einen Traum zu verwirklichen: einen Plattenladen mit angeschlossenem Art Lab. In Berlin gab es schon zu viele der neuartigen Läden, die LPs und Räucherkerzen anbieten, dachten sich Stephan und Angi, und suchten einen anderen Standort. Eine kleine Stadt in der Nähe, mit vielen Briten und BFBS-Empfang: 1972 eröffnet in Hameln "Sunshine Music". Als bald darauf die Preisbindung für Langspielplatten entfällt, geht das Geschäft Pleite. Nach drei Monaten.
Filme (Auswahl):
1960 "Es begann mit der Fibel" (SFB, kurzes Fernsehspiel) Regie: Tom Toelle
1961 "Ein Buch mit Kapiteln" (NDR) Regie: John Olden, Drehbuch: Jack Pulman, mit Käthe Gold, Michael Verhoeven, Walter Bluhm
1963 "Der Würger von Schloss Blackmoor" (Kino) Regie: Harald Reinl, Romanvorlage: Bryan Edgar Wallace, Musik: Oskar Sala; mit Karin Dor, Walter Giller, Dieter Eppler, Ingmar Zeisberg
1963 "Hafenpolizei" (NDR) Serie, Regie: John Olden
1965 "Die eigenen vier Wände" (NDR) Regie: Wolfgang Glück, Buch: Curth Flatow; mit Inge Meysel, René Deltgen
1965 "Überstunden" (SDR) Regie: Fritz Umgelter, mit Günter Neutze, Maria Körber, Günter Pfitzmann
1966 "Flucht" (Radio Bremen) Regie: Gustav Burmester; mit Boy Gobert
1967 "Der Schritt ins Leben" (SWF) Regie: Frank Scharf
1967 "So war Herr Brummell" (SDR ) Regie: Fritz Umgelter; mit Boy Gobert, Al Hoosman, Edith Heerdegen
1968 "Unwiederbringlich" (ZDF) Regie: Falk Harnack, nach Theodor Fontane; mit Lothar Blumhagen, Solveig Thomas, Lil Dagover
1969 "Klassenkeile" (Kino) Regie: F.J. Gottlieb, mit Uschi Glas, Walter Giller, Willy Millowitsch
1970 "Eis" (Schweden/ Finnland/ NDR) Regie: Åke Lindman, mit Eddie Axberg, Tord Peterson
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Die 70-er: Comeback mit Kempowski und in Cannes
1972 kommt Tochter Fiona zur Welt (die heute Fiona Coors heißt und ebenfalls Schauspielerin ist). Um die Familie zu ernähren, ergreift der unglücklich gescheiterte Einzelhändler einen recht bürgerlichen Beruf: Als reisender Vertreter der Warner Music (WEA), die gerade auf dem deutschen Markt Fuß fasst, bringt er niedersächsischen Händlern die neuen Platten der Rolling Stones und Led Zeppelin nahe. So erfolgreich, dass ihn bald die Hamburger Zentrale ruft. Dort allerdings haben die Manager keine langen Haare. Schwartz fühlt sich weniger wohl und nimmt den Kontakt zur Hamburger Fernsehszene wieder auf.
Kleine Rollen spielt er, ohne die sichere Stellung zu kündigen, indem er vor und nach dem Dreh telefoniert und Händler besucht. Das geht gut, bis er in Hamburg-Winterhude dreht. Vor dem WEA-Bürogebäude sitzt er in einem rosafarbenen Cabriolet und wird gefilmt - das Ende seines Arbeitsverhältnisses in der Musikindustrie. Und der Start in eine neue, dritte Schauspielkarriere.
Es beginnt bescheiden mit "Wie würden Sie entscheiden?" und Episodenrollen in Vorabendserien wie "Lokalseite unten links". In einer Folge von "Aus Liebe zum Sport" spielt Schwartz unter Dieter Wedels Regie, im Zweipersonenstück "Die Überquerung des Niagarafalls" neben dem Horrorfilm-Star Anton Diffring. Im Fernsehspiel "Der Hausaufsatz" ist er ein 18-jähriger, der beim gemeinsamen Aufsatzschreiben ein Mädchen verführen möchte. Dann will der Däne Bjarne Henning-Jensen die Rolle eines russischen Querflötisten besetzen, der mit einer ungarischen Ruderin auf der Ostsee gen Westen flieht: Schwartz' Skandinavien-Erfahrung macht sich bezahlt, er bekommt den Part. Der Kinofilm "Skipper & Co" läuft in Deutschland allerdings nur auf den Nordischen Filmtagen, dann weder im Kino noch im Fernsehen. In einer Parallelhandlung fliehen auch ein alter Mann und ein Kind aus Dänemark - und "dass auch Westeuropäer Grund zur Flucht haben, wollte man im Kalten Krieg nicht sehen", vermutet Schwartz heute. Der Film war seiner Zeit voraus.
Was auch für den "Tatort: Drei Schlingen" gilt, in dem Hansjörg Felmy den Kommissar und Schwartz den Mörder spielt. Nach einmaliger Ausstrahlung landet der Film "wegen der Brutalität, die da herrschte" (WDR-Fernsehspielleiter Gunther Witte) im Archiv und wird bis 2003 nicht wiederholt.
In diesen Jahren bewährt sich Stephan Schwartz auch in Bühnenrollen: in Bochum unter Hans Neuenfels' Regie ("Dantons Tod", 1975), in Bad Hersfeld (u.a. "Die heilige Johanna", 1976) und an den Hamburger Kammerspielen ("Der Barbier des Präsidenten", 1976, Regie: Edward Rothe).
Aufsehen erregt 1977 der TV-Kostümfilm "Jugend, Liebe und die Wacht am Rhein". In der Hauptrolle verkörpert Schwartz den deutschen Dandy, Schriftsteller und Bismarck-Zeitgenossen Harry Graf Keßler. Darauf wird er für den Titelpart der ZDF-Serie "Ein Mann will nach oben" gebucht - und ein scheinbarer Rückschlag folgt: Nach einem Redakteurswechsel geht die Rolle an Mathieu Carrière. Schwartz ist drauf und dran, mit Inge Meysel und einer Theater-Version von "Harold & Maude" auf Tournee zu gehen, als ihn ein Top-Angebot erreicht. Wieder aus Skandinavien.
In der Verfilmung von Knut Hamsuns Novelle "Victoria" spielt Schwartz Hamsuns Alter Ego, einen Müllerssohn im 19. Jahrhundert, der über Standesgrenzen hinweg eine Gutsherrentochter liebt... Drei Monate dauern die Dreharbeiten in Schweden, der renommierte Regisseur Bo Widerberg ("Elvira Madigan", 1967) leistet sich allen Luxus des method acting à la Stanislawski und Strasberg. Stundenlang geht er mit seinem Hauptdarsteller spazieren, klettert etwa auf einen Baum und springt herunter - wie sich zeigt, ist das die Szene, die er an diesem Tag drehen möchte, aber erst bei Sonnenuntergang. Seine "elementarste Schauspielerfahrung", sagt Schwartz heute. "Ein Lars von Trier-Typ" sei Widerberg gewesen. Zur Premiere im Wettbewerb von Cannes 1979 kam der Regisseur mit den Filmrollen unterm Arm an. Bis zuletzt hat er am Schnitt gefeilt - und sich "verschnippelt". Minutenlang liefen Bild und Ton asynchron, was das Publikum scharenweise aus dem Saal trieb. Der Film floppte - bitter für Stephan Schwartz, der in perfektem Englisch gespielt hatte.
In Cannes dabei ist er allerdings sowieso nicht. Denn er drehte wieder fürs deutsche Fernsehen. Als der junge Schauspieler dem Aufnahmeleiter seine Einladung zu den Festspielen und für eine reservierte Suite zeigt, sagt der nur "Junge, was soll das?" und verbietet die Reise. Damals spielte das wichtigste Filmfestival der Welt in der deutschen Wahrnehmung keine Rolle.
Immerhin: Der Film, für den Schwartz zeitgleich drehte, wird ein Riesenerfolg. Sätze wie "Wie isses nu' bloß möchlich?", die Edda Seippel als Mutter in Eberhard Fechners Verfilmung von Walter Kempowskis autobiografischem Roman "Ein Kapitel für sich" sprach, sind vielen noch heute im Ohr. Den Walter Kempowski - wieder einen Schriftsteller also - spielte Stephan Schwartz. Rund 15 Millionen Zuschauer fesselt der Dreiteiler Weihnachten 1979 .
Filme (Auswahl):
1973 "Mitteilungen über eine Schuld" (ZDF) Regie: Frank Guthke; mit Ida Ehre, Doris Kunstmann
1973/ 74 "Aus Liebe zum Sport" (NDR, Vorabendserie) Regie: Dieter Wedel, Buch: Wedel & Daniel Christoff
1974 "Unsere Penny" (HR, Vorabendserie) Regie: Rudolf Jugert, mit Stephanie Daniel
1974 "Lokalseite unten links" (NDR, Vorabendserie) Regie: Claus Peter Witt
1974 "PS" (NDR, Serie) Regie: Claus Peter Witt, Drehbuch: Robert Stromberger, mit Gerd Baltus, Wera Frydtberg, Liane Hielscher
1974 "Der Hausaufsatz" (NDR) Regie: Peter Frötschl, Drehbuch: Manfred Bieler, mit Jutta Wirschaz
1974 "Die Überquerung des Niagarafalls" (ZDF) Regie: Hartmut Kunz; mit Anton Diffring
1974 "Skipper & Co" (dänischer Kinofilm) Regie: Bjarne Henning-Jensen; mit Karl Stegger, Morten Jacobsen, Agnes Dudás
1975 "Freizeitheim" (WWF, Vorabendserie) Regie: Peter F. Bringmann
1975 "Motiv Liebe" (NDR, Vorabendserie) Regie: Hermann Leitner; mit Giulia Follina
1976/77 "Weilburger Kadettenmord" (ZDF) Regie: Eberhard Itzenplitz; mit Claus Theo Gärtner, Erika Skrotzki
1976/77 "Tatort: Drei Schlingen" (WDR), Regie: Wolfgang Becker, Buch: Karl Heinz Willschrei; mit Hansjörg Felmy, Traugott Buhre, Willy Semmelrogge
1977/78 "Derrick: Steins Tochter" (ZDF) Regie: Wolfgang Becker; mit Horst Tappert
1977 "Jugend, Liebe und die Wacht am Rhein" (ZDF) Regie: Oswald Döpke; mit Werner Hinz, Günter Strack, Rosemarie Fendel
1979 "Victoria" (Schweden/Norwegen/ Dtl.) Regie: Bo Widerberg; mit Michaela Jolin, Pia Skagermark, Hans Christian Blech, Christiane Hörbiger
1979 "Ein Kapitel für sich" (ZDF, Dreiteiler) Regie: Eberhard Fechner, nach Walter Kempowski; mit Edda Seippel, Klaus Höhne, Jens Weisser
1979 "Das Ding" (ZDF, Zweiteiler) , Regie: Uli Edel, mit Uwe Ochsenknecht, Adrian Hoven, Ulla Jacobsson
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Die 80er: Autorenkarriere, Karriereknick
Mit angesagten jungen Regisseuren wie Uli Edel, Peter Patzak und Peter Keglevic dreht Schwartz nun aufwändige Gangsterfilme ("Das Ding", "Geld oder Leben" mit Dietrich Lohmann an der Kamera) und ungewöhnliche Filmromanzen ("Die Jahre vergehen"). Im unterschätzten Pop-Film "Pommi Stern" begleitetet er als Freund und Gitarrist eine englische Sängerin (Gillian Scalici), die ihr Glück in Deutschland versucht. Die britiche New-Wave-Band Visage tritt auf, nicht nur um ihren Superhit "Fade To Grey" zu singen. Und am Ende steht Schwartz in Pommis Band (hauptsächlich Marius Müller-Westernhagens damalige Band) auf der Konzertbühne...
Zugleich beginnt er langgehegte Pläne in die Tat umzusetzen. Ein Drehbuch, das er gemeinsam mit dem Schauspielkollegen Peter Buchholz zur Familienserie "St. Pauli Landungsbrücken" beisteuert, ist der Startschuss für ein ambitionierteres Projekt: Inspiriert von Buddy-Movie-Gespannen wie Newman & Redford und Gérard Depardieu & Patrick Dewaere, ersinnen die beiden die Idee zu einer Fernsehserie. Die Verträge einer großen Produktionsfirma liegen schon vor, doch wegen strittiger Klauseln über die Autorenrechte unterschreiben die Jung-Autoren nicht. Nun bietet sich die Chance, den Stoff mit einem Münchener Produzenten, dem Mainzer ZDF, einem Regisseur von der Berliner Filmakademie sowie mit Hilfe der neu eingerichteten Hamburger Filmförderung ins Kino zu bringen. "Jagger & Spaghetti" entsteht in und um St. Pauli für 850.000 Mark als Low-Budget-Film. Kameramann ist der später weltweit erfolgreiche Pole Slavomir Idziak. Die Hauptrollen spielen die Autoren: Buchholz den Fernseh-Mechaniker und -Hehler Spaghetti, Schwartz den arbeits- und wohnungslosen Stones-Fan Jagger.
Die in der Autorenfilm-Szene erfrischende Komödie begeistert den Verleiher, der gerade mit einer cleveren Marketing-Kampagne "Die flambierte Frau" zum Überraschungs-Hit gemacht hat. Als der für den Kinostart noch einen Vermarktungs-Clou sucht, kommt Schwartz eine eher verhängnisvolle Idee: Er lässt sich im Schneidersitz auf dem Kühler eines Rolls-Royce fotografieren und lanciert dazu die Meldung, er habe seinen Film dem indischen Guru Bhagwan geschickt, der sich dafür mit einem Rolls-Royce (von denen er, wie damals jeder wusste, angeblich 99 Stück besaß) revanchiert habe. Tatsächlich erregt das, via "Bild"-Zeitung verbreitet, jede Menge Aufmerksamkeit. Aber die kommt nicht dem Film zugute, sie schadet bloß dem Schauspieler.
"Jagger & Spaghetti" läuft ohne viel Erfolg im Kino, die guten Kritiken zur Fernsehausstrahlung kommen zu spät. Für den damaligen Sannyasin (Bhagwan-Anhänger) Schwartz erweist sich die Begleit-Publicity als Karrierekiller. Regisseure wähnen ihn in Indien oder argwöhnen, sie könnten seine Gagen gleich nach Poona überweisen. Also engagieren sie ihn kaum mehr.
Schwartz weicht dahin aus, wo auch erfolgreiche Schauspieler weder Namen noch Gesicht haben: ins Synchrongewerbe. Und macht auch dort Karriere. Er leiht dem jungen Tom Cruise die deutsche Stimme - erstmals für "Top Gun", den Film, der ihn zum Superstar macht. Cruise spricht er bis 1996, aber auch Andy Garcia, Bill Pullman, Kenneth Brannagh und John Lone ("Der letzte Kaiser") deutscht er ein.
Im Lauf der Jahre entspannt sich die Castinglage wieder etwas. Stephan Schwartz spielt Nebenrollen im Sechsteiler "Sommer in Lesmona", der Katja Riemann bekannt macht, und in "Beim nächsten Mann wird alles anders", einem der raren deutschen Kinohits der 80er. In der Satire "Ein Prachtexemplar" des Kabarettisten Bruno Jonas spielt er die Hauptrolle.
Filme (Auswahl):
1980 "Die Jahre vergehen" (ZDF/ORF, Zweiteiler) Regie: Peter Keglevic; mit Karl Michael Vogler, Hanno Pöschl, Rosel Zech
1981 "Geld oder Leben" (Radio Bremen/ ARD) Regie: Peter Patzak, Kamera: Dietrich Lohmann; mit Karl Michael Vogler
1981 "Pommi Stern" (SWF/ ARD) Regie: Kristian Kühn; mit Gillian Scalici, Gustav Fröhlich, Steve Strange & Visage
1982 "St. Pauli Landungsbrücken" (NDR/ ARD, Serie/ Folge "Zwei ziehen zusammen") Drehbuch , Regie: Dieter Kehler
1982 "Flucht aus Pommern" Regie: Eberhard Schubert; mit Armin Mueller-Stahl, Marie-Charlotte Schüler, André Wilms, Rudolf Schündler
1984 "Jagger & Spaghetti" Co-Drehbuch und Hauptrolle (Kino/ZDF) Regie: Karsten Wichniarz; mit Peter Buchholz, Sabine Kaack, Ulrich Wildgruber
1984 "Mord im Spiel" (ZDF) Buch: Herbert Lichtenfeld, mit Gerd Baltus
1986 "Sommer in Lesmona" (Radio Bremen/ ARD, Sechsteiler) Regie: Peter Beauvais, mit Katja Riemann, Musik: Herbert Grönemeyer
1988 "Beim nächsten Mann wird alles anders" (Kino/ Rialto-Film) Regie: Xaver Schwarzenberger, nach Eva Heller, mit Antje Schmidt, Volker Kraeft, Dominic Raacke
1989 "Ein Prachtexemplar" (Radio Bremen/ ARD) Regie: Bruno Jonas. mit Hans Korte, Ulrike Folkerts
1990 "Liebes Leben" (ZDF) Regie: Hartmut Griesmayr, mit Barbara Rudnik
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Die 90er: Comeback mit neun Jahren "Freunde fürs Leben"
Als Kinderarzt Dr. Daniel Holbein, der zusammen mit den Ärzten Junginger und Rogge (Michael Lesch, Gunter Berger) eine Gemeinschaftspraxis und eine Freundes-Clique bildet, ist Stephan Schwartz in den 90er Jahren 89-mal auf den Bildschirmen zu Gast. Im oft betulichen Unterhaltungsprogramm fällt "Freunde fürs Leben" , eher Freundschafts- als Arztserie, durch freche, humorvolle Drehbücher auf. Mehr als acht Millionen Zuschauer schalten in Deutschland ein. Und auch in Ländern wie Frankreich, Italien und Portugal läuft die Produktion mit Schauplatz Lübeck.
So als hätte das Autoren-Team ihn persönlich gekannt, fand sich Stephan Schwartz in der Rolle des sensiblen, vegetarischen, meditierenden Kinderarztes wieder. Hinter der Kamera stehen Gero Erhardt, der als Kameramann Schwartz bereits in "Ein Kapitel für sich" gefilmt hatte, oder künftige Erfolgs-Regisseure wie Christine Kabisch und Roland Suso Richter ("Der Tunnel", 2001).
Parallel entwickelt Schwartz mit der Produktionsfirma Lichtblick-Film wieder ein eigenes Drehbuch (gemeinsam mit Oliver Coors). "Quotenfieber" hat das neue Phänomen der Fernseh-Soaps zum Thema. Die Komödie um einen von Fans entführten TV-Star findet Unterstützung beim Pay-TV-Sender Premiere und der schleswig-holsteinischen Filmförderung; dank der originellen Story bringt es das Projekt bis in den "Hollywood Reporter". Dann kauft Leo Kirch Premiere und die Finanzierung bricht zusammen - typisches Schicksal vieler Ideen im Subventionsdschungel des deutschen Films...
Weitere Schauspiel Rollen Schwartz' in dieser Zeit sind mal wieder ein Schriftsteller in einer der ersten Pilcher-Verfilmungen, aber auch der "Kohlhaas" (1996) am Hamburger Ernst-Deutsch-Theater. In der Aufsehen erregenden Grass-Verfilmung "Die Rättin" ist er zu sehen und im ambitionierten Kinofilm "Nichts als die Wahrheit": Götz George verkörpert Josef Mengele, Schwartz den Leiter des 'Shoah Research Center'.
Aus "Freunde fürs Leben" steigt er nach acht Staffeln und 89 Folgen als letzter der drei ursprünglichen Hauptdarsteller 1999 aus (drehte aber noch zwei Folgen, die erst 2001 gesendet wurden). "Ich bin mit ‘Freunde fürs Leben’ durch die 90er Jahre gegangen, ins Jahr 2000 will ich damit nicht auch noch", sagt er und bestimmt seinen Abgang dramaturgisch mit: Holbein geht in ein christliches Kloster. Lange überdauert die Serie nicht. Nach insgesamt 101 Folgen ist Schluss.
Filme (Auswahl):
1991/92-99 "Freunde fürs Leben" (ZDF) Regie: Gero Erhardt, Roland Suso Richter, Christine Kabisch, Richard Engel, Nikolai Müllerschön, Jan Ruzicka u.a.; Drehbuch: Michael Baier u.a.; mit Michael Lesch, Gunter Berger, Bernd Herzsprung, Karsten Speck, Ruth-Maria Kubitschek, Nina Hoger, Marek Erhardt u.v.a.
1995 "Schlafender Tiger" (ZDF) Regie: Rolf von Sydow, nach Rosamunde Pilcher, mit Inka Victoria Groetschel
1996 "Alte Freunde küsst man nicht" (ZDF) Regie: Detlef Rönfeldt, mit Mathieu Carrière, Sabine Postel
1997 "Guppies zum Tee" (ZDF) Regie:Stephan Meyer, mit Inge Meysel
1997 "Die Rättin" (SR/ ARD/ Kino) Regie: Martin Buchhorn, nach Grass, mit Matthias Habich, Sunnyi Melles, Dieter Laser
1998 "Liebe und andere Katastrophen" (BR/ ARD) Regie: Bernd Fischerauer, mit Senta Berger, Friedrich von Thun, Bobby Brederlow
1998 "Nichts als die Wahrheit" (Kino) Regie: Roland Suso Richter, mit Kai Wiesinger, Götz George, Karoline Eichhorn
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Die 2000er
Fürs Fernsehen spielt Stephan Schwartz heute Hauptrollen in erfolgreichen Filmen wie "Am Anfang war der Seitensprung" und in hoch gelobten wie "Besuch aus Bangkok". Er übernimmt regelmäßig Episoden-Hauptrollen in "Tatorten" und Serien wie "Balko" (RTL), "Adelheid und ihre Mörder" (ARD), "Der Bulle von Tölz" (Sat.1) und "Der kleine Mönch" (ZDF) "Stubbe: Der Tote im Park"(ZDF),u.a.
Außerdem veranstaltet er Lesungen mit Werken Hermann Hesses und Henry Millers. In Synchronstudios spricht er den jungen Briten Adrien Brody, der für seine Hauptrolle in Roman Polanskis "Der Pianist" überraschend den Oscar 2003 gewinnt, sowie Joseph Fiennes, als "Luther".
Die Nordischen Filmtage Lübeck haben (30.10.-2.11.03) Stephan Schwartz eine Retrospektive seiner skandinavischen Filme widmen. Denn im Herbst 2003 / Frühjahr 04 wird der dann 52-Jährige zum jüngsten deutschen Schauspieler, der ein 50-jähriges Berufsjubiläum feiern kann.
Website: http://www.stephanschwartz.de
Filme (Auswahl):
1999 "Am Anfang war der Seitensprung" (ARD) Regie: Hartmut Griesmayr, nach Amelie Fried, mit Simone Thomalla, Heidelinde Weis
2000 "Balko: Vorfahrt für den Mörder" (RTL) Regie: Christoph Eichhorn; mit Bruno Eyron
2001 "Besuch aus Bangkok" (WDR/ ARD) Regie: Susanne Hake; mit Katharina Meinecke, Udo Schenk, Leonard Lansink
2001 "Tatort: Totenmesse" (MDR/ ARD) Regie: Thomas Freundner; mit Peter Sodann, Bernd Michael Lade
2001 "Tatort: Bienzle und der heimliche Zeuge" (SWR/ ARD) Regie: Arend Aghte; mit Dietz Werner Steck, Michael Lott
2001 "Zugvögel der Liebe" (ZDF) Regie: Richard Engel; mit Rolf Becker, Maruschka Detmers
2002 "Am Anfang war die Eifersucht" (ARD) Regie: Hartmut Griesmayr; mit Simone Thomalla, Heidelinde Weis
2002 "Stubbe: Der Tote im Park" (ZDF) Regie: Peter Kahane; mit Wolfgang Stumph
2003 "Der Kl. Mönch" ( ZDF) Regie:Stephan Meyer
2003 "SOKO Kitzbühel: Fit für den Tod" (ORF/ ZDF, Serie) Regie: Hans Werner; mit Heinz Marecek, Andrea L'Arronge
2003 "Der Bulle von Tölz: Strahlende Schönheit" (Sat.1) Regie: Wolfgang Hentschel; mit Ottfried Fischer
2003 " Rosamunde Pilcher - Traum eines Sommers (AT) (ARD) Regie: Dieter Kehler; mit Antje Schmidt, Sigmar Solbach